Maschinenfingerabdruck
Beurteilen Sie die Eigenschaften Ihrer Anlagen nach einem Standardisierten Verfahren
Standardisierte Lastszenarien und mechanische Charakterisierung
Die Qualität und Präzision von Umformprozessen hängen entscheidend von der mechanischen Leistungsfähigkeit und dem Zustand der eingesetzten Maschine ab. Gerade bei anspruchsvollen Schmiede-, Schneid- und Umformvorgängen ist die Reaktion der eingesetzten Maschine auf unterschiedliche Lastsituationen von zentraler Bedeutung.
Um diese Aspekte systematisch zu erfassen, hast sich in unserem Kundenkreis der Begriff „Maschinenfingerprint“ etabliert. Der Maschinenfingerprint bezeichnet die eindeutige, quantifizierte Signatur einer Maschine, die sich aus ihrer Reaktion auf eine Reihe standardisierter Lastfälle ableitet. Auf dieser Seite erläutern wir, wie wir den standardisierten Maschinenfingerprint für Umformmaschinen erstellen, welche Messgrößen und Betriebsbedingungen dabei eine Rolle spielen und welche Erkenntnisse daraus für die Prozessoptimierung, Qualitätskontrolle und den Maschinendesign‑Kreislauf gewonnen werden können.
Grundlagen des Maschinenfingerprints
Der Maschinenfingerprint ist ein Messdatenprofil, das die mechanischen Eigenschaften einer Maschine in Abhängigkeit von standardisierten Lastsituationen beschreibt. Die Grundidee ist analog zu biologischen Fingerabdrücken: Jede Maschine hat charakteristische Eigenschaften, die sich systematisch herausarbeiten und erfassen lassen. Der Fingerprint ist ein Satz von Kennzahlen und Diagrammen, die nicht nur die momentane Leistung, sondern auch die Stabilität und das Verhalten unter variierenden Belastungen abbilden.
| ID | Merkmal | Bedeutung | Messverfahren |
| 1 | Nachgiebigkeit | Verformung infolge einer Belastung | Dynamische Positionsmessung in Abhän-gigkeit aufgeprägter Kräfte |
| 2 | Dämpfung | Abklingverhalten von Schwingungen | Schwingspiele, Abklingdauer nach Auf-treffschlag |
| 3 | Verkippung | Robustheit gegen außermittige Lasten | Positionsmessung in Abhängigkeit au-ßermittig aufgebrachter Lasten. |
| 4 | Eigenfrequenzen | Resonanzfrequenzen und Amplituden | Frequenzanalysen im offenen und geschlossenen Zustand |
Standardisierte Lastszenarien für Umformmaschinen
Um einen vergleichbaren und reproduzierbaren Fingerprint zu erstellen, bedarf es eines standardisierten Vorgehens. Da der Maschinenfingerprint die Verhaltensweisen von Anlagen unter Betriebslasten wiedergeben soll, finden alle Messungen im automatischen Anlagenbetrieb bei stufenweise variierten Lastsituationen statt. Für eine statistische Absicherung wird während der Messung die Streubreite der erfassten Kräfte und Hubzahlen erfasst. Nur wenn die Streuungen in einem akzeptablen Bereich liegen, wird der Messpunkt als valide übernommen, andernfalls muss die Messeinstellung überprüft und wiederholt werden:
Durchführung des Maschinenfingerprints
Symmetrische Belastung
- Ziel: Bestimmung der Steifigkeit, Dämpfung, Eigenfrequenzen bei symmetrischer Last.
- Ablauf:
- Referenz-Kraftmessdosen werden direkt unter Druckpunkten positioniert
- die Anlage wird in Verschiedenen Hubzahlen bis zur Maximaldrehzahl betrieben.
- Zur Aufprägung definierter Kräfte wird die Stößelverstellung schrittweise zugestellt oder Material unterlegt, bis die gewünschten Lastbereiche bzw. die Nominalraft der Anlage erreicht ist.
- Einstellgrößen:
- Hubzahl
- Presskraft
- Messgrößen:
- Referenzkräfte aus dem Pressraum
- Messkräfte – Anlagen Kraftmessung
- Beschleunigungen am Stößel
- Positionen an 1,2 oder 4 Positionen
Außermittige Belastung Typ 1
- Ziel: Bestimmung der Anlagereaktion, Anlagenmesstechnik bei außermittigen Lasten
- Durchführung:
- Referenz-Kraftmessdosen werden direkt unter Druckpunkten positioniert
- Referenz-Kraftmessdosen werden einseitig außermittig verschoben
- die Anlage wird in Verschiedenen Hubzahlen bis zur Maximal- (bzw. festgelegten Grenz-) Drehzahl betrieben.
- Zur Aufprägung definierter Kräfte wird die Stößelverstellung schrittweise zugestellt oder Material unterlegt, bis die gewünschten Lastbereiche erreicht sind.
- Einstellgrößen:
- Hubzahl
- Presskraft
- Exzentrische Kraft rechts/links, vorne/hinten
- Messgröße:
- Referenzkräfte aus dem Pressraum
- Messkräfte – Anlagen Kraftmessung
- Beschleunigungen am Stößel
- Positionen an 1,2 oder 4 Positionen
Außermittige Belastung Typ 2
- Ziel: Bestimmung der Anlagereaktion, Anlagenmesstechnik bei außermittigen Lasten
- Durchführung:
- Referenz-Kraftmessdosen werden direkt unter Druckpunkten positioniert
- Referenz-Kraftmessdosen werden einseitig unterlegt
- die Anlage wird in Verschiedenen Hubzahlen bis zur Maximal- (bzw. festgelegten Grenz-) Drehzahl betrieben.
- Zur Aufprägung definierter Kräfte wird die Stößelverstellung schrittweise zugestellt oder Material unterlegt, bis die gewünschten Lastbereiche erreicht sind.
- Einstellgrößen:
- Hubzahl
- Presskraft
- Exzentrische Kraft rechts/links, vorne /hinten
- Messgröße:
- Referenzkräfte aus dem Pressraum
- Messkräfte – Anlagen Kraftmessung
- Beschleunigungen am Stößel
- Positionen an 1,2 oder 4 Positionen
Wichtig bei außermittigen Belastungen:
- Die aufgeprägten Kräfte dürfen dabei die zulässige Außermittigkeit gemäß Anlagenspezifikationen nicht überschreiten.
Durch die Kombination dieser Tests ergibt sich ein robustes, wiederholbares Profil, das die mechanische Leistungsfähigkeit der Maschine abbildet. Aus den Datensätzen lassen sich Eignung für Prozesse und Anforderungen bei Prozessumsetzungen ableiten.
Softwareunterstützung
Die Symmetrischen Messungen sind bei unseren Kunden typischerweise das standardisierte Werkzeug zur Kalibrierung von Anlagensensoren bspw. zur Herstellung des sicheren Maschinenüberlastschutzes. Sie werden durch die automatisierte Fingerprint Software im Kalibriercockpit der ConSenses GmbH unterstützt. Anwender werden vollautomatisch durch den Prozess geführt.
Die außermittigen Belastungsmessungen sind stark Anlagen- und Anwendungsabhängig, hier wird jeweils ein spezifisches Prüfprozedere festgelegt, das dann für mehrere Anlagen eines Herstellers / Betreibers regelmäßig genutzt wird.
Instrumentation und Messverfahren
| ID | Messgröße | Sensor | Messort | Typische Messwerte |
| 1 | Referenzkraftsensor | Kraftaufnehmer, die in Summe die An-lagennominalkraft tragen können | Im Pressraum | F (kN) |
| 2 | Weg-/Positionssensor | Magnetostriktive Positionsencoder | Zwischen Gestell, Stößel | z (µm) |
| 3 | Beschleunigungssensor | Beschleunigungsaufnehmer | Auf dem Stößel | g (m/s²) |
| 4 | Kraftsensorik (Anlage) | PiezoBolts oder bestehenden Anlagen-krafterfassung | In Drucksäule oder am Gestell | F (kN) |
Bedeutung der Fingerprint Daten
Fingerprint Daten beschreiben einerseits das technische Vermögen von Anlagen unter nominalen Belastungen. Ganz praktisch lassen sich regelmäßig die folgenden Schlüsse ableiten:
Eine Anlage zeigt auffällige Verkippungstendenzen, um die x- und y-Achse.
- In dem Fall kann nach Konsultation des Maschinenherstellers eine Prüfung des Führungssystems angezeigt sein.
- Verkippungen unter dem Hub können insbesondere bei Schnittoperationen mit engen Schneidspalten zu Standzeit und Qualitätsproblemen führen. Eine prozessbegleitenden Verkippungsmessung kann helfen das abzusichern. Mit dem Fingerprint kann die zulässige außermittige Kraft, zur Einstellung von Verkippungen ermittelt werden. Das gibt dem Werkzeugbau eine erweiterte Information zur Abstufung von Werkzeugen und Einstellung von Federpaketen.
Eine Anlage zeigt geringe Dämpfung nach dem Auftreffschlag / dem Lösen von den Referenzkraftmessdosen.
- Insbesondere bei Impulsartig auftretenden Prozessereignissen können derartige Maschineneigenschaften kritisch sein, weil Schwingspiele ungedämpft in die Struktur eingetragen werden und somit durch Wechselspiele Alterungseffekte frühzeitig anfachen können.
- Auf bei langsam laufenden Prozessen können große Stoßereignisse auftreten bspw: Schnittschläge, Aufsetzschläge und das Beschleunigen von großen Niederhaltern im Rückhub.
Bewertung der Anlagensteifigkeit und des Kraftaufbaus:
- Mechanische Pressen können, bei der Vernachlässigung von Schwungmasseneffekten des Stößelmasse, die geforderte Kraftwirkung nur durch ihr elastisches Verhalten erzeugen.
- Typische Nachgiebigkeit (1/c) von mechanischen Pressen liegen grob im Bereich von 0,1 mm / 1 kN.
- Im Gesamtkontext erlaubt die Fingerprint Methodik auch den Kraftaufbau im Prozess abzuschätzen, weil über Stößelmasse und Auftreffgeschwindigkeit (berechnet aus Positionsdaten)
Durch Vergleich solcher Kennwerte lässt sich die geeignete Maschine für einen bestimmten Umformprozess auswählen und gleichzeitig potenzielle Optimierungsfelder identifizieren.
Stärken und Grenzen der Fingerprint – Methodik
| ID | Stärken | Bekannte Grenzen |
| 1 | Statistisch abgesichert | Messung erfolgt methodisch bedingt rund um den UT/VT |
| 2 | Unabhängig vom Maschinentyp um-setzbar | Anlage muss ohne Transfer und Bandanlage im Automatikbe-trieb laufen können. |
| 3 | Weitgehend Automatisierbar | |
| 4 | Nachweislich gut wiederholbar | |
| 5 | Vergleichbar | |
| 6 | Umsetzbar für Anwender | |
| 7 | Gut physikalisch interpretierbar |
Qualitätskontrolle
Der Fingerprint liefert eine Grundlinie für die erwarteten mechanischen Leistungen von Anlagen. Aus diesem Grund setzen Pressenhersteller unseren Fingerprint für die interne Maschinenabnahme und Kalibrierung der verbauten Messtechnik ein. Darüber hinaus überprüfen Betreiber regelmäßig Ihre Anlagen mit selbst durchgeführten oder unterstützten Fingerprints.
Prozessoptimierung
Da der Fingerprint die individuelle Charakteristik der geprüften Anlagen widerspiegelt, werden sie häufig genutzt, um Prozesse im Detail auf Maschinen abzustimmen.
Maschinendesign
Beim Design neuer Umformmaschinen werden die Fingerprint‑Daten als Mess- und Zielwerte genutzt. Das bedeutet Maschinendesigns für spezifische Anwendungsportfolios werden in form von Fingerprintergebnissen beschrieben und Konstruktionselemente so ausgestaltet, dass eine passgenaue Lösung entsteht. Die Prüfung der Zielerreichung erfolgt dann über die praktische Fingerprinterstellung.
Predictive Maintenance
Aus den Fingerprint‑Daten leiten Betreiber Prognosen für den verbleibenden Lebensdauerzeitpunkt einer Maschine ab. Plötzlich auftretende Änderungen sind Hinweise auf Führungs-, Lagerungs- oder andere Schäden. Durch die physikalische Aussagekraft und zeitliche Auflösung der Werte lassen sich dabei auch Schadensorte und im Kontext mit Prozessfingerprints auch Schadenshergänge identifizieren.
Konsequenterweise werden dann auf Basis dieser Erkenntnisse Belastungen reduziert und Prozesse so Anlagenschonender betrieben.